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Einmal Hölle und zurück

Ein Bild aus glücklichen Tagen. Franie Leopold (Name geändert) bevor ihr zweites Kind plötzich starb.
Ein Bild aus glücklichen Tagen. Franie Leopold (Name geändert) bevor ihr zweites Kind plötzich starb.

Trauer findet in unseren Breitengraden meist versteckt statt. Man ´darf´ nicht zur Belastung für andere werden.... Außenstehende wiederum nimmt der Kummer zu sehr mit. Er erinnert erschreckend daran, dass das Schicksal jeden Tag zuschlagen kann. Wie reagieren? Wegschauen? Übervorsichtig mit dem Betroffenen umgehen?

 

Franie Leopold schreibt sich den Kummer über den Tod ihres geliebten Babys von der Seele. Sie möchte ihre Trauer nicht verstecken. Wer ihren Weg auf Instagram verfolgt wird sich nie wieder über eine Warteschlange an der Kasse oder eine rote Ampel ärgern.

 

Am 10. September 2018 blieb für Franie Leopold (Name geändert) aus dem Landkreis Regensburg die Welt stehen. Drei Tage nach seinem ersten Geburtstag starb ihr zweites Kind, ihr Sohn Leo, nach einer Routineoperation. Es geschah der Alptraum, vor dem sich alle Eltern panisch fürchten. Leo starb. „Man sagte uns, er würde nicht überleben. Mir blieb nur, ihn zu halten, bis er ging.“ „Die Krankenschwestern haben ihn dann gebadet und angezogen, haben Fotos für mich gemacht. Eine Haarsträhne und ein Handabdruck... das ist alles, war mir bleibt“, erzählt Franie weiter.

Absolute Schockstarre. Absoluter Stillstand. Und dennoch muss man funktionieren. Eine Beerdigung muss vorbereitet werden. „Wir haben Leo unter einem Baum im Waldfriedhof beerdigt, denn Leo lag unglaublich gerne unter einem Baum in unserem Garten.“ Franie und ihre Familie fühlten sich in dieser Zeit sehr allein gelassen. Ohne ihre beste Freundin, die sich um alles kümmerte, wären sie völlig hilfslos gewesen. Sie waren starr vor Kummer. „Wenn ein Kind geboren wird, kommt der Bürgermeister und gratuliert. Wenn das Kind stirbt kommt kein Mensch. Niemand fragt, ob er helfen kann“, erzählt Franie. „Weder auf kommunaler noch auf regionaler Ebene wird in dieser Krisensituation Hilfe angeboten. Aber das ist es doch, was verwaiste Eltern so dringend brauchen: Das Gefühl nicht alleine zu sein!“

Ein halbes Jahr ist nun vergangen und nichts ist mehr, wie es war. Franies Überlebensstrategie: Schreiben! In ihrem Instagram Blog fraeulein_leopold schreibt sie sich den Kummer von der Seele. Nein. Sie schreit sich den Kummer von der Seele. Sie verzweifelt, sie dichtet, sie erinnert an ihr Kind. „Das Feedback von Gleichgesinnten hilft mir, das Leben zu überstehen.“ Und auch ein Buch hat sie geschrieben: „Mein Herz ist ein Mosaik. Umarme deinen Schmerz.“

Die größte Kraft gibt ihr ihre Tochter Franzi, die gerade vier Jahre alt geworden ist. „Sie möchte sich immer wieder die Fotos vom toten Leo ansehen, um zu begreifen. Als Leo starb war sie auch dabei. Wir bekamen ein großes Bett und durften mit ihm kuscheln, bis er aufhörte, zu leben. Ich erklärte ihr dann, dass Leo jetzt im Himmel ist.“ Die Kleine spricht oft mit Leo. Und mit Gott. „Gott, du hast einen Fehler gemacht. Schick ihn wieder zurück!“ Und zu ihrem Geburtstag wünschte die Schwester sich einen Brief aus dem Himmel.

Franie und ihr Mann sind beide in Therapie. Franie versucht, übers Schreiben die Erinnerung an ihr Kind lebendig zu halten. „Ich will nicht, dass Leo vergessen wird. Mein Blog hilft mir bei der Heilung. Das Feedback von anderen betroffenen Müttern hilft mir. Wenn es eine Zeit gibt, in der man an Wunder glauben möchte, dann ist das jetzt.“ Nicht jeder hat Verständnis für ihre offene Trauer. „Du weinst ja vor deiner Tochter!“ empörte sich neulich eine Frau. „Ja. Natürlich weine ich vor meiner Tochter. Auch Papa, Oma und Opa dürfen weinen. Trauer ist nicht peinlich. Trauer ist nicht verwerflich.“

„Manchmal meine ich, mein Herz bricht. Dann fällt mir ein, dass es nicht mehr brechen kann. Es ist schon gebrochen. Als Leo starb überlegte ich: wie bringe ich mich heute Nacht um. Dann fasste ich den Entschluss: ´Mir wurde vor 34 Jahren das Leben geschenkt und das wirfst du nicht weg.´ Pharmaka, die mich ruhig stellen sollten, waren keine Hilfe. Ich erkannte, ich muss meinen Schmerz umarmen! Jeder Tag ist wie ein neues Leben. Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, es geht keine Sekunde weiter. Wenn mir klar wird, dass Leo nie wieder zurück kommt, weine ich unkontrolliert. Danach stehe ich auf, mache weiter. Dann schreibe ich. Das hilft.“

Ein klitzekleines Licht scheint ab und an am Horizont. Manchmal lacht Franie - und erschreckt dann. Darf sie lächeln? Franzi ermutigt sie. Denn Leo freut sich - da oben im Himmel.


Maria Burges, März 2019

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